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Zuwanderung in Rhein-Main
Auch in Frankfurt und Rhein-Main stranden viele Frauen und Männer - oft nach einer langen und gefährlichen Flucht. Viele Einheimische unterstützen die neuen Nachbarn.

08. Januar 2016

Flüchtlinge in Wiesbaden: Lehrergehalt knapp über Armutsgrenze

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Flüchtlinge im Unterricht (Symbolfoto).  Foto: dpa

Die Integrationslehrkräfte, die sich bei der VHS Wiesbaden um Flüchtlinge kümmern, sind sauer. Eine Vollzeit-Lehrkraft bleiben etwa 1000 bis 1200 Euro netto im Monat. Das liege knapp über der Armutsgrenze, die Rentenansprüche seien gering.

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Marianne Geiger und Vera Seibel sind sauer. Die beiden arbeiten als Integrationslehrkräfte an der Volkshochschule Wiesbaden – ohne Anerkennung und zu schlechten Konditionen, sagen sie. Am 19. Januar haben sie ein Gespräch bei Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD), um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Parallel dazu haben sie einen Streik organisiert. An diesem Tag wollen alle der etwa 25 Integrationslehrkräfte der VHS ihre Arbeit niederlegen.

Geiger und Seibel haben studiert und sich fortgebildet. Seit vielen Jahren bringen sie Menschen, die in Wiesbaden eine neue Heimat gefunden haben, deutsch bei und spielen so eine Schlüsselrolle bei deren Integration. So steht es zumindest auf der Homepage des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf). „Doch wenn das so ist, dann wollen wir auch anerkannt und angemessen bezahlt werden“, sagt Geiger.

Seit dem Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes im Jahr 2005 müssen Zuwanderer für eine Aufenthaltsgenehmigung Sprachkenntnisse auf B1 Niveau vorweisen. Doch nicht nur das ist gesetzlich geregelt, auch die Kopfpauschale ist vorgegeben. „Bislang zahlte das Bamf pro Kopf und Stunde 2,94 Euro, zum ersten Januar 2016 erhöht sich die Pauschale auf 3,10 Euro. Das bisherige Grundhonorar betrug bisher zwischen 21 und 22 Euro, ab 1. Januar 23 Euro brutto pro Unterrichtsstunde für Integrationslehrkräfte. Aber das reicht nicht“, kritisiert Seibel.

In der Pauschale seien die Kosten für die Miete der Unterrichtsräume, den Verwaltungsaufwand und die Honorierung zusammengefasst. „Eine Vollzeit-Lehrkraft bleiben etwa 1000 bis 1200 Euro netto im Monat“, sagt Geiger. Das liege knapp über der Armutsgrenze, die Rentenansprüche seien gering. „Und das, obwohl die VHS Wiesbaden ihren Integrationslehrern schon mehr zahlt, als es andere Träger tun.“

Ein Schlag ins Gesicht

Geiger weist auf andere Institutionen hin, die sich bewusst aus finanziellen Gründen gegen die Durchführung von Integrationskursen entschieden haben – „weil es einfach nicht lohnt“. Besonders getroffen hat Seibel und Geiger die Kürzung der Stadt. Wie berichtet sind im Zuge der Etatberatungen der VHS 64 000 Euro institutionelle Förderung gekappt worden. „Zuvor hatte die VHS 195 000 Euro beantragt, um unter anderem die Grundhonorare der Integrations-Dozenten auf annähernd das Niveau der Schulen anzuheben, stattdessen kam die Kürzung“, sagt Geiger. Das sei ein Schlag ins Gesicht.

Die Bereitstellung von insgesamt 500 000 Euro für Integrationssprachkurse, die die Stadtverordneten in ihrer letzten Sitzung im Jahr 2015 verkündeten, können weder Geiger noch Seibel besänftigen. „Das Geld ist ja nicht allein für die VHS bestimmt. Die kann sich lediglich projektbezogen bewerben. Was dann kommt, weiß keiner“, sagt Seibel.

Doch den Schwarzen Peter wollen Seibel und Geiger nicht allein der Stadt zuschieben. Die beiden wissen, dass die Schuld für die geringe Bezahlung vor allem beim Bamf liegt. Sie setzen nun auf das Gespräch mit dem Oberbürgermeister, damit der sich auf höherer Ebene stark macht. „Wir wollen zeigen, dass es uns gibt, und welch wichtige Arbeit wir leisten“, sagt Geiger. Sie verweist auf einige Kollegen, die bereits an die Berufsschulen gewechselt haben, weil dort besser gezahlt werde. „Uns brechen hoch qualifizierte Lehrkräfte weg und keiner tut etwas“, sagt sie.

Zudem gebe es immer weniger Nachwuchs, der unter diesen Bedingungen bereit sei zu arbeiten. „Dabei macht die Arbeit großen Spaß“, sagt Seibel. Oft gebe es Glücksmomente. „Wir haben intensiven Kontakt zu den Menschen und erhalten ein unmittelbares Feedback. Das ist toll.“

Die Volkshochschule übernimmt etwa 50 Prozent der Integrationskurse für Zuwanderer in Wiesbaden. Mehr als 4500 Teilnehmer verbuchte die VHS im vergangenen Jahr – insgesamt waren es 38 500 –, und der Bedarf wird mit den zunehmenden Flüchtlingszahlen steigen. „Wir haben jetzt schon lange Wartelisten“, sagt Seibel.

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