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Zuwanderung in Rhein-Main
Auch in Frankfurt und Rhein-Main stranden viele Frauen und Männer - oft nach einer langen und gefährlichen Flucht. Viele Einheimische unterstützen die neuen Nachbarn.

04. November 2013

Flüchtlinge Lampedusa: Kirche nimmt Flüchtlinge auf

 Von Fabian Scheuermann und Florian Leclerc
Die Evangelische Kirche bringt 22 Lampedusa-Flüchtlinge vorerst in einer Kirche unter.  Foto: Andreas Arnold

Neue Heimat Frankfurt: 22 Flüchtlinge kommen von der italienischen Insel Lampedusa in die Nordweststadt und finden in der evangelischen Kirchengemeinde Cantate Domino eine Zuflucht. Viele der Asylsuchenden haben "die Hölle" hinter sich, so erzählen sie.

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Die evangelische Kirchengemeinde Cantate Domino in der Nordweststadt hat am Sonntagabend 22 Flüchtlinge aus Lampedusa aufgenommen. In einem Nebenraum der Kirche wurde ein Bettenlager eingerichtet, Gemeindemitglieder kümmern sich um die Versorgung der Flüchtlinge mit Essen, Kleidung und Hygieneprodukten. Die aus verschiedenen westafrikanischen Ländern stammenden jungen Männer haben in den vergangenen Monaten unter einer Mainbrücke gelebt.

„Wir wissen alle, dass das nur ein Provisorium ist, aber den Menschen muss geholfen werden – und ich hoffe, dass wir dabei einen langen Atem haben“, sagt die Pfarrerin der Gemeinde, Sabine Fröhlich. Gemeinsam mit Kollegen benachbarter Gemeinden will sie dafür sorgen, dass die Flüchtlinge in den nächsten Tagen in größeren Räumlichkeiten unterkommen können. Bereits am gestrigen Montag habe diesbezüglich ein Planungstreffen stattgefunden, berichtet die Pfarrerin. Der Status der Flüchtlinge sei so, dass sie momentan nicht abgeschoben werden könnten.

Die Kirche aufmachen

Ohne Ola Oluokun wäre die Notunterkunft nicht zustande gekommen. Nach einem gemeinsamen Gottesdienst mehrerer evangelischer Gemeinden bei Cantate Domino am Sonntag bat er die Anwesenden um Hilfe. „Die Männer leben seit Monaten im Freien, jetzt beginnt der Winter. Das kann nicht sein“, sagt Oluokun. Er selbst lebt seit 13 Jahren im Rhein-Main-Gebiet.

Nach Oluokuns Besuch ging alles ganz schnell. Gemeinsam mit Pfarrer Ulrich Schaffert von der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde entschied sich Fröhlich spontan, die Flüchtlinge in die Kirche zu holen. „Drei Stunden später hatten wir 22 Schlaflager aufgebaut, Essen besorgt und Kleider gesammelt“, erinnert sich der ehemalige Pfarrer Hermann Düringer. „Ich habe gestaunt, wie schnell das ging“. Die Unterstützung wurde vor allem über die E-Mail-Verteiler der unterschiedlichen Gemeinden organisiert.

„Ein Mann rief im Gottesdienst laut, die Kirche müsse aufgemacht werden“, erinnert sich Andrea Teupke von der Thomasgemeinde in Heddernheim. Noch am Nachmittag hat sie selbst drei Matratzen organisiert und einen großen Topf Gemüseuppe gekocht, die Gemeinde Riedberg steuerte unter anderem eine Großbestellung Pizza bei.

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„Die Unterstützung, die wir erfahren haben, ist einfach wundervoll“, freut sich Oluokun. Doch so schnell am Sonntag alles vonstatten ging – die vergangenen Monate waren sowohl für die Flüchtlinge als auch für ihn von Enttäuschungen geprägt. „Ich habe in etlichen Frankfurter Gemeinden vorgesprochen, aber so gut wie niemand hat sich für die Flüchtlinge interessiert“, ärgert sich Oluokun. „Auch weil ich selbst Christ bin, hat mich das tief enttäuscht“. Die Idee, sich an die Kirchen zu wenden, kam Oluokun, nachdem er mit einem Hamburger Pfarrer telefoniert hatte, in dessen Gemeinde seit Mai Flüchtlinge untergekommen sind.

Auf Jobsuche

Festos R. aus Nigeria ist einer der 22 Flüchtlinge bei Cantate Domino. Er ist glücklich, nun keine kalten Nächte mehr unter der Brücke verbringen zu müssen. Diese seien „wie die Hölle“ gewesen, sagt er. R. hofft, dass er bald keine Hilfe mehr braucht: „Ich will Arbeit, dann muss mir auch niemand mehr helfen“.

Eine neue Ausrichtung der Flüchtlingspolitik fordert unterdessen Sebastian Leierseder von der Gruppe „noborderffm“. Leierseder hat Ende Oktober eine Lampedusa-Demo mitorganisiert, auf der sich Hunderte Menschen mit Flüchtlingen solidarisierten. Deutschland müsse Flüchtlingen erlauben, sich Arbeit zu suchen, auch außerhalb des Kreises, in dem sie wohnen, so Leierseder im FR-Interview.

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