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Zuwanderung in Rhein-Main
Auch in Frankfurt und Rhein-Main stranden viele Frauen und Männer - oft nach einer langen und gefährlichen Flucht. Viele Einheimische unterstützen die neuen Nachbarn.

08. Januar 2016

Minderheitenschutz: Hilfe für homosexuelle Flüchtlinge

 Von 
Die Regenbogenfahne ist ein Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung.  Foto: AFP

Homo- und transsexuelle Flüchtlinge werden in den hiesigen Unterkünften oft ausgegrenzt, beschimpft und geschlagen. Die Gruppe "Rainbow Refugees" sucht Kontakt und bietet Hilfen an.

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Kaum hatten sie im Herbst ihre Facebook-Seite eingerichtet, da trafen schon die ersten Hilferufe ein. Nachrichten von Geflüchteten, die aufgrund ihrer Sexualität oder Geschlechtsidentität verfolgt worden waren und sich nun auch in deutschen Asylunterkünften nicht sicher fühlten. Aber auch „verstörende Anfragen“ von Schwulen, Lesben, Transsexuellen aus so weit entfernten Regionen wie Saint Lucia in der Karibik, die flehten: „Helft mir, ich werde bedroht!“.

Die Gruppe

Die „Rainbow Refugees“ treffen sich donnerstags um 19 Uhr im Café Switchboard der Aidshilfe Frankfurt, Alte Gasse 36.

Kontakt: Seite „Rainbow Refugees Frankfurt/Main“ auf Facebook und per E-Mail: rainbowrefugees@gmail.com.

Wenn solche internationalen Anfragen einträfen, sagt Holger Volland, einer der Initiatoren der Frankfurter Gruppe „Rainbow Refugees“, „dann übersteigt das unsere Möglichkeiten“. Auch wenn die Gruppe teilweise Kontakt zu örtlichen Initiativen habe vermitteln können, die sich dort um die Rechte von sexuellen Minderheiten kümmerten. Eigentlich geht es der neuen Gruppe aber darum, sexuelle Minderheiten unter den Flüchtlingen in Frankfurt und der näheren Umgebung zu unterstützen - also lesbische, schwule, bi- und intersexuelle oder queere Menschen (LGBTIQ). Etwa wenn sie in einer Gemeinschaftsunterkunft bedrängt würden.

Zahl Betroffener unbekannt

Wie viele Menschen betroffen sind, ist nicht bekannt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge etwa erhebt nicht, wie viele Asylsuchende ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität als Fluchtgrund im Asylantrag anführen. Statistisch gesehen dürften aber etwa fünf Prozent der Geflohenen betroffen sein, schätzt Holger Volland, der mit steigendem Hilfsbedarf rechnet.

Er und die rund 15 weiteren Freiwilligen von „Rainbow Refugees“ hätten sich zufällig als Gruppe gefunden, erzählt der 45-Jährige, nachdem sie unabhängig voneinander bei der Aidshilfe und der Stadt nach entsprechenden Angeboten gefragt hätten. „Wir sind Männer und Frauen jeden Alters, viele selbst schwul oder lesbisch.“ Einige hätten sich schon zuvor für Flüchtlinge engagiert, andere seien „gaypolitisch aktiv“ – die Verbindung beider Themen sei aber „für uns alle neu“, so Volland.

Einmal pro Woche lädt die Gruppe zu einem offenen Treffen in das Café „Switchboard“ der Aidshilfe ein. „Wir wollen die Isolation aufbrechen“, sagt Volland. „Gerade, wenn man wegen seiner Sexualität verfolgt wurde, hilft es, sich in einem geschützten Raum mit anderen Schwulen oder Lesben austauschen zu können.“

Dabei seien auch jene Mitglieder der Gruppe hilfreich, die selbst einst geflohen seien und nun beim Übersetzen und Vertrauensaufbau hülfen. Eine junge lesbische Iranerin, erzählt Volland, habe sich nur einmal für fünf Minuten zu dem Treffen getraut - aus Angst, die iranische Community könne von ihrer Sexualität erfahren. Doch das kurze Treffen habe ausgereicht, um den Kontakt zu einer Frau aus der Gruppe herzustellen, die sich nun regelmäßig mit der Iranerin treffe, sagt Volland. Es sind solche 1:1-Beziehungen, die „Rainbow Refugees“ in diesem Jahr gerne in Form eines „Buddy-Systems“ mit ehrenamtlichen Mentoren ausbauen würde.

Ärzte und Anwälte gesucht

Mit bisher sieben Geflüchteten stehe die Gruppe in engem Kontakt, sagt Volland. Neben der Iranerin sind es sechs schwule Syrer. Geflohen vor den Islamisten des sogenannten „Islamischen Staates“, die Homosexuelle von Dächern stürzten und steinigten, sähen sie sich nach einer traumatisierenden Flucht nun in ihren Unterkünften weiterer Drangsalierung ausgesetzt, sagt Volland. Sie würden beschimpft, ausgegrenzt, verprügelt. In solchen Fällen versuche die Gruppe, über den Kontakt zu Sozialarbeitern und Behörden individuelle Lösungen für die Betroffenen zu finden. Zweimal habe schon ein Umzug erwirkt werden können.

Er selbst sei durch den Kontakt mit den Geflüchteten und ihren Schicksalen „total politisiert“ worden, sagt Volland. Er hofft nun, ein Netzwerk spezialisierter und sensibilisierter Übersetzer, Ärzte und Anwälte aufbauen zu können, die die „Rainbow Refugees“ in Frankfurt unterstützen.

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