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05. Dezember 2013

Obdachlose Rumänen in Frankfurt: Wie ein Slum

 Von 
Elend mitten in Frankfurt: In diesen Verschlägen leben Menschen.  Foto: Christoph Boeckheler

Obdachlose Rumänen hausen unter unwürdigen Bedingungen mitten in Frankfurt. Ihre Lage wirft ein Schlaglicht auf die verzweifelte Lage obdachloser Osteuropäer im hereinbrechenden Winter.

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Obdachlose Rumänen hausen unter unwürdigen Bedingungen mitten in Frankfurt. Ihre Lage wirft ein Schlaglicht auf die verzweifelte Lage obdachloser Osteuropäer im hereinbrechenden Winter.

Frankfurt. –  

Das Elend liegt an den Bahngleisen, es liegt mitten in der Stadt. Auf einer Industriebrache im Gutleutviertel haben sich obdachlose Rumänen Behausungen gebaut, die man eher in den Armenvierteln eines Schwellenlandes erwarten würde als in einer der reichsten Städte im reichsten Land Europas. Die Lage der Menschen, die nach eigenen Angaben seit Monaten in den kellerartigen Betonverschlägen hausen, wirft ein Schlaglicht auf die verzweifelte Lage obdachloser Osteuropäer im hereinbrechenden Winter.

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Früh morgens liegt eiskalter Nebel über der brachliegenden Industriefläche. Soeben ist Sorin aus einem der niedrigen Kellerlöcher gekrochen, die mit Sperrholz und alten Decken notdürftig verschlossen sind. Seit fünf Monaten lebten er, seine Mutter und sein Neffe jetzt hier, berichtet der 40-Jährige, der trotz seiner Wollmütze und seiner dicken Daunenjacke vor Kälte zittert. Insgesamt seien sie zu siebt, sagt er in rudimentärem Deutsch, alle aus Rumänien. Ein Landsmann habe ihnen Unterkunft und Arbeit in Frankfurt versprochen, 150 Euro pro Person hätten sie dafür gezahlt. „Aber dieser Rumäne konnte uns hier nichts präsentieren“, sagt Sorin. Jetzt hielten er und die anderen sich mit Flaschensammeln und Gelegenheitsjobs über Wasser. Und sie schliefen hier auf der Brache, ohne Heizung, Toilette, fließendes Wasser. „Sehr kalt“ sei das, sagt Sorin.

Der Frankfurter Stadtpolizei ist die Gruppe schon länger bekannt. Ihre Lage sei „natürlich bedauerlich“, sagt ein Sprecher der Frankfurter Rundschau, man habe sie auch schon mit Fotos dokumentiert. „Wir haben da aber keine Handhabe, da das ein Privatgelände ist.“ Andere obdachlose Osteuropäer verweise die Stadtpolizei in der Regel auf die im Winter geöffnete B-Ebene der Hauptwache. Und: Es liege im Aufgabenbereich der Firma, der das Gelände gehört, es wirksam gegen Unbefugte zu sichern.

Auch beim Magistrat hat man von der Gruppe gehört. Der Kältebus des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten sei auf die Behausungen aufmerksam geworden, habe aber nie jemanden angetroffen, sagt Manuela Skotnik, Referentin von Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU). Ein Privatgelände dürften die Helfer, die nachts Schlafplätze von Obdachlosen abfahren, Schlafsäcke verteilen und weiterführende Hilfen anbieten, auch gar nicht betreten. Derzeit werde überlegt, die Gruppe zusammen mit der Stadtpolizei noch einmal aufzusuchen, so Skotnik.

Nur die Hauptwache bleibt

Eins ist jedenfalls klar: Viel Hilfe haben EU-Bürger aus Osteuropa, über deren sozialrechtlichen Status gerade bundesweit gestritten wird, nicht zu erwarten. Chronisch kranke oder gefährdete Personen könnten für einige Nächte in Notunterkünften untergebracht werden, so Skotnik – weitere Hilfe gebe es nur, wenn ihre Ansprüche auf Sozialhilfe geklärt seien. Ansonsten bleibe den Menschen nur die B-Ebene der Hauptwache. Oder eine Rückfahrkarte nach Rumänien.

Für Kirsten Huckenbeck sind die mangelnden Aussichten für die Rumänen ein sozialpolitischer Skandal. „Es gibt viel mehr Leute, die in fürchterlichen Unterkünften in Frankfurt leben“, sagt die Mitarbeiterin der gewerkschaftlichen Beratungsstelle MigrAr. „Es kann doch nicht sein, dass Leute in Baracken leben müssen.“

Da die Betroffenen oft schlecht Deutsch könnten, hätten sie kaum Chancen, ihre Rechte wahrzunehmen oder gar einzuklagen – und trotz der B-Ebene habe die Stadt viel zu wenige Unterbringungsmöglichkeiten. Bei der jetzt hereinbrechenden Kälte müsse darüber nachgedacht werden, leerstehende Wohnungen und Büros zu öffnen, findet Huckenbeck – sonst drohten der Stadt im Winter massive Probleme.

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