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Zuwanderung in Rhein-Main
Auch in Frankfurt und Rhein-Main stranden viele Frauen und Männer - oft nach einer langen und gefährlichen Flucht. Viele Einheimische unterstützen die neuen Nachbarn.

14. September 2015

Wiesbaden : Wiesbaden wartet auf die Flüchtlinge

 Von 
Willkommenskultur in Wiesbaden.  Foto: Ute Fiedler

In mehreren Wiesbadener Stadtteilen werden Turnhallen zu Flüchtlingsunterkünften umfunktioniert. Die Reaktionen der Bevölkerung auf die Ankunft von bis zu 1000 Schutzsuchenden sind überwiegend positiv: Die Landeshauptstadt demonstriert Willkommenskultur.

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Die Taunushalle in Nordenstadt ist menschenleer. 280 Feldbetten sind aufgebaut, auf ihnen liegen Decken. Stühle und Tische stehen in einer Ecke, die Lüftung summt leise vor sich hin. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Die Anspannung ist deutlich spürbar. Die Helfer, die vor der Halle sitzen, warten auf die angekündigten Flüchtlinge. Etwa 300 sollen an diesem Montag allein nach Nordenstadt kommen.

Doch bis Redaktionsschluss bleibt die Halle leer. Flüchtlinge sind keine zu sehen, lediglich Helfer und einige Politiker sind vor Ort – so wie Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD), Ordnungsdezernent Oliver Franz, Landtagsabgeordneter Horst Klee und der Nordenstadter Ortsvorsteher Rainer Pfeifer (alle CDU).

Pfeifer ist am Sonntag gegen 16.30 Uhr informiert worden, dass die Taunushalle zeitweise zur Flüchtlingsunterkunft umgewidmet wird. Daraufhin hat er alle Hebel in Bewegung gesetzt, die Menschen vor Ort zu kontaktieren.

Er sei angespannt, sagt Pfeifer. „Angespannt, dass die Bürger uns das nicht so abwickeln lassen, wie wir es vorhaben.“ Er berichtet von positiven Rückmeldungen, die er erhalten habe. „Etwa 80 Prozent sind positiv, aber 20 Prozent sind leider auch aggressiv.“ Viele Menschen könnten nicht verstehen, weshalb ausschließlich Turnhallen aus den östlichen Wiesbadener Vororten ausgewählt wurden. Eine Bürgerversammlung am Abend soll offene Fragen klären, so hofft er.

Ausgezeichnetes Katastrophenmanagement

Während Pfeifer zum nächsten Termin eilt, kommen immer mehr Passanten zur Taunushalle und fragen, wie sie helfen können. „Ich würde gerne Begrüßungsgeschenke organisieren und verteilen“, sagt Nina Schönberger. Die Ärztin aus dem benachbarten Igstadt bietet zudem ihre Hilfe bei der medizinischen Versorgung an.

Ein paar Schritte weiter pustet eine Gruppe um Vera Bliznaz bunte Luftballons auf. „Ein kleiner Willkommensgruß“, sagt die 31-Jährige. Sie sei selbst vor mehr als 20 Jahren aus Bosnien nach Wiesbaden gekommen. Der Weg sei lang und beschwerlich gewesen. „Aber wir sind hier mit offenen Armen empfangen worden und konnten uns gut integrieren“, sagt Bliznaz. Es sei selbstverständlich, dass sie die Flüchtlinge unterstütze – wenn sie denn kämen.

Gähnende Leere herrschte am Montagmittag noch in der Taunushalle in Nordenstadt. Dort steht alles für die Flüchtlinge bereit.  Foto: Ute Fiedler

Am Sonntag hatte der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) um 13.12 Uhr Oberbürgermeister Sven Gerich darüber informiert, dass Wiesbaden eine Außenstelle für die Erstaufnahme von Flüchtlingen einzurichten habe. Zunächst hieß es, dass die Menschen bis zum Abend in Wiesbaden ankommen, was die Helfer laut Gerich vor eine große „Herausforderung“ gestellt habe.

Doch was in den darauf folgenden Stunden geschieht, zeigt, dass das Katastrophenmanagement in der hessischen Landeshauptstadt ausgezeichnet funktioniert – und die Willkommenskultur riesig ist. „Bis um 23.30 Uhr waren die Hallen bezugsbereit“, sagt Gerich, während er sich einen Überblick über die Situation in den drei ausgewählten Turnhallen verschafft. „Wiesbaden hat seine Hausaufgaben gemacht“, gibt sich der Rathauschef zufrieden.

Kurzerhand zu Flüchtlingsunterkünften umfunktioniert worden ist nicht nur die Taunushalle in Nordenstadt. Betten sind auch in der Turnhalle in Breckenheim und der Kellerskopfhalle in Naurod aufgestellt. 300 Flüchtlinge könnten dort jeweils Platz finden. Und auch die Mehrzweckhalle in Auringen könnte umgewidmet werden, wenn benötigt.

Bis zu 1000 Flüchtlinge hatte Beuth Gerich am Sonntagmittag angekündigt. Wo diese herkommen, um welchen Personenkreis es sich handelt, wie sie in Wiesbaden ankommen, auch diese Fragen bleiben am Montag ungeklärt. Bis zum Abend kommt kein einziger Flüchtling in den bereit gestellten Hallen an.

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Aus dem hessischen Innenministerium heißt es gegen Nachmittag, dass sich die Lage durch die Maßnahmen der Bundesregierung etwas entspannt habe. „Es scheint so, als seien derzeit durch die Grenzkontrollen etwas weniger Flüchtlinge unterwegs“, sagt ein Ministeriumssprecher auf Anfrage. Man werde die Lage weiter beobachten und zunächst die Wiesbadener Hallen als Reserve vorhalten, „damit wir reagieren können, wenn sich die Lage wieder ändert“.

Zudem kündigt das Land an, dass Wiesbaden mehrere Stunden vorher informiert werde, falls Flüchtlinge aufgenommen werden müssen. „Wir können nach den neuesten Informationen des Landes nun davon ausgehen, dass wir mehrere Stunden im Vorfeld Bescheid wissen werden, wann wir mit den Flüchtlingen in Wiesbaden rechnen können“, sagt Oberbürgermeister Gerich. „Das entspannt die Lage für uns enorm. Wir haben alles für die Ankunft der Menschen vorbereitet und können direkt loslegen, sobald wir wissen, wann wie viele wohin kommen.“ Bis dahin blieben die Helfer und Helferinnen in Rufbereitschaft.

Er sei überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger. „Es ist einfach toll, was die Stadt Wiesbaden in so kurzer Zeit geleistet und auf die Beine gestellt hat“, sagt Gerich.

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